Close
Studie: Macht Gendern Sprache gerechter?
Macht Gendern Sprache gerechter?

Studie: Macht Gendern Sprache gerechter?

Ich habe für meinen Blogbeitrag über eine Studie zum generischen Maskulinum viel positives (und natürlich auch negatives) Feedback bekommen. In aktuellen Debatten hingegen geht es indes immer noch nicht über Meinungen und Glaubensfragen hinaus, wenn wir übers Gendern diskutieren. Dabei gibt es eine Vielzahl an Studien, die sich auf unterschiedliche Weise der Frage nähern, ob Gendern Sprache gerechter macht.

Deshalb dachte ich, es kann nicht schaden, eine weitere Studie mit einem anderen Ansatz aufzubereiten und (hoffentlich) verständlich für die Öffentlichkeit zusammenzufassen. Sie ist diesmal deutlich aktueller. Das war mir wichtig. Kleiner Spoiler: Ein Ergebnis dieser Studie hat auch mich überrascht.

Über die Studie

Wir gehen heute nach Österreich an die Universität Wien. Die Studie heißt Breaking Away From the Male Stereotype of a Specialist: Gendered Language Affects Performance in a Thinking Task. Sie ist von 2018 und stammt von Marlene Kollmayer, Andreas Pfaffel, Barbara Schober und Laura Brandt. Es ist diesmal keine sprachwissenschaftliche Studie, sondern eine Studie aus der Psychologie (Department of Applied Psychology: Work, Education and Economy, Faculty of Psychology).

Wichtig: Sie wurde gereviewed von zwei Wissenschaftlerinnen – eine aus den USA und eine aus Schweden. Diese Peer-Review von unabhängigen (d.h. nicht involvierten) Gutachter*innen aus dem gleichen Fachgebiert sichert die Qualität und Wissenschaftlichkeit von Studien.

Die Studie ist für alle öffentlich einsehbar. Hier findest du sie: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00985

Wenn du darauf Bezug nimmst, achte bitte auf die korrekte Quellenangabe:
Kollmayer M, Pfaffel A, Schober B and Brandt L (2018) Breaking Away From the Male Stereotype of a Specialist: Gendered Language Affects Performance in a Thinking Task. Front. Psychol. 9:985. doi: 10.3389/fpsyg.2018.00985

Was untersucht die Studie?

Die Studie von Josef Klein (2004) zeigte bereits, dass generische Maskulina zu einer geringeren mentalen Repräsentation von Frauen führt – selbst in Kontexten, in denen Frauen und Männer etwa hälftig vertreten sind (z. B. Bürger oder Student). Je stereotypisch maskuliner eine Personenbezeichnung ist (z. B. Maschinenbauer), desto stärker ist dieser Effekt.

Die Studie von Kollmayer et al. (2018) geht nun einen Schritt weiter. Sie untersucht, ob gendergerechte Sprache dazu führt, sich vom sogenannten “male bias”, also der kognitiv dominierenden maskulinen Präsenz, losreißen zu können. Im Grunde geht es also um eine Einordnung, ob geschlechtergerechte Sprache effektiv genug ist, um stereotype Assoziationen “abzuschalten” oder ob unsere gelernten Rollenzuschreibungen zu tief in uns verankert sind.

Zur Erklärung ein Beispiel: Eigentlich wissen wir ja, dass auch Frauen den Beruf der Architektur ergreifen können. Trotzdem assoziieren wir den Beruf unterbewusst mit Männern. Weil sie in dem Berufsfeld dominieren, obwohl es keine fachliche Begründung (hinsichtlich Kompetenz) gibt, warum das so ist. Dann spricht man von Stereotypen.

Aufgrund der Versuchsanordnung (siehe weiter unten) wird die Studie Antworten bzw. mindestens Hinweise auf folgende Fragen geben können:

  1. Führt geschlechtergerechte Sprache zu geschlechtergerechtem Denken? (vereinfachte Formulierung der o.g. Hauptthese)
  2. Spielt das Geschlecht dabei eine Rolle?
  3. Hängt der Effekt von geschlechtergerechter Sprache (und des generischen Maskulinums) davon ab, wie feminin, maskulin, androgyn oder undifferenziert man sich selbst fühlt?

Zur letzten Frage, schreiben die Autor*innen, habe es bislang keine Untersuchungen gegeben.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Die empirische Studie wurde online in Form eines Fragebogens durchgeführt. Die Einladungen wurden via Social Media, E-Mail oder Online-Kurse der Uni Wien versendet. Die Autor*innen haben demografische Daten (Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Muttersprache) erhoben.

Wie ist die Studie aufgebaut?

Die Versuchsanordnung besteht aus drei Teilen. Der erste Teil war ein Text über das Thema Expertise. Dieser kurze Text war einmal mit generischen Maskulina und einmal in der gegenderten Form mit dem Binnen-I geschrieben. Damit wurden die Versuchspersonen auf den zweiten Teil, ein Rätsel, vorbereitet. Sie wurden zufällig einer der beiden Text-Versionen zugeordnet.

Teil 1: Info-Text über Expertise

Ungegenderter Text über Expertise (generisches Maskulinum):

Bitte lesen Sie folgenden kurzen Text über Expertise und beantworten Sie im Anschluss die dazu gestellte Frage:

In der Psychologie bezeichnet Expertise oder Expertenwissen eine außergewöhnliche Problemlösefähigkeit oder Leistung in einem bestimmten Bereich, die auf umfassende Erfahrung zurückgeht. Herausragende Experten werden auch als Koryphäen bezeichnet. Expertenwissen eignet sich die Person in der Regel durch eine Ausbildung oder ein Studium an, es kann jedoch auch durch Forschung oder autodidaktisch erworben werden.
Expertiseforschung untersucht die Art und den Erwerb problemrelevanten, bereichsspezifischen Wissens. Hierzu wird meistens das Problemlöseverhalten von Experten und Novizen verglichen. Novizen sind im Gegensatz zu Experten Personen, denen die entsprechende Übung im betreffenden Inhaltsbereich fehlt. Untersuchte Wissensgebiete sind unter anderem Computerprogrammierung, Physik, Musik, Sport und Medizin.


Was wird in der Expertiseforschung meist verglichen?

Gegenderter Text über Expertise (Binnen-I):

Bitte lesen Sie folgenden kurzen Text über Expertise und beantworten Sie im Anschluss die dazu gestellte Frage:

In der Psychologie bezeichnet Expertise oder ExpertInnenwissen eine außergewöhnliche Problemlösefähigkeit oder Leistung in einem bestimmten Bereich, die auf umfassende Erfahrung zurückgeht. Herausragende ExpertInnen werden auch als Koryphäen bezeichnet. ExpertInnenwissen eignet sich die Person in der Regel durch eine Ausbildung oder ein Studium an, es kann jedoch auch durch Forschung oder autodidaktisch erworben werden.
Expertiseforschung untersucht die Art und den Erwerb problemrelevanten, bereichsspezifischen Wissens. Hierzu wird meistens das Problemlöseverhalten von ExpertInnen und NovizInnen verglichen. NovizInnen sind im Gegensatz zu ExpertInnen Personen, denen die entsprechende Übung im betreffenden Inhaltsbereich fehlt.

Was wird in der Expertiseforschung meist verglichen?

Wie du siehst, wird am Ende eine Verständnisfrage gestellt. Damit wird sichergestellt, dass der Text auch wirklich gelesen und verstanden wurde. Einen anderen Zweck hat diese Kontrollfrage nicht. Außerdem wurde in einem Einleitungstext vorab vom Anlass der Untersuchung abgelenkt, in dem es hieß, es werde untersucht, wie Individuen mit Rätseln umgehen.

Teil 2: Das Rätsel

Im zweiten Teil folgt ein Rätsel, in dem es auch um Expertise geht. Das Thema Expertise ist wichtig, da es zum männlichen Stereotyp passt: Psychologische Männlichkeit werde assoziiert mit Handlung, Kompetenz oder Zweckdienlichkeit. Psychologische Weiblichkeit werde dagegen eher assoziiert mit Fürsorge, Gemeinschaft und Emotion, so die Autor*innen der Studie.

Vielleicht kennen einige von euch das Rätsel bereits:

Ein Vater und sein Sohn fahren gemeinsam im Auto und haben einen grässlichen Autounfall. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren und sofort in den Operationssaal gebracht. Der Arzt besieht ihn sich kurz und meint, man müsse eine Koryphäe zu Rate ziehen. Diese kommt, sieht den jungen Mann auf dem Operationstisch und meint: “Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.” Wie ist das möglich?

Ist das Problem lösbar und mit einem einzigen Satz begründbar? Falls Sie dieser Meinung sind, begründen Sie ihre Lösung in einem einzigen Satz. Ansonsten schreiben Sie “nein”

Der Clou des Rätsels

Nachdem die Befragten entweder den gegenderten oder den ungegenderten Texten lasen, sollten also alle im Anschluss auf das Rätsel reagieren. Logisch betrachtet ist offensichtlich, dass die Koryphäe die Mutter des Kindes sein muss. Aber Stereotype kommen uns in die Quere und wir sind im ersten Moment zumindest einmal verwirrt, wie das sein kann. Der Vater ist ja tot. Deshalb müssen wir kognitiv umdisponieren, um die Frage beantworten zu können. Oder wir kommen zu gar keiner Antwort. Auf jeden Fall erfordert der Gedankenprozess eine gewisse Denkleistung.

Smart finde ich an der Studie, dass die Autor*innen die Antworten nicht einfach in “richtig” oder “falsch” kategorisiert haben (wie frühere Studien, die dieses Rätsel verwendeten). Stattdessen unterteilten sie in “Antworten, die auf eine weibliche Koryphäe hindeuten” und “Antworten, die auf eine männliche Koryphäe hindeuten”. Schließlich gebe es auch alternative Antworten wie “Stiefvater” oder “schwules Paar”, was dann hieße, dass eine Frau offenbar nicht in Betracht gezogen wurde. Auch wer die Frage mit “nein” beantwortete, gehörte zur männlichen Kategorie.

Gendern und Sprache: Kurzer Exkurs in die Linguistik

Das originale Gedankenspiel stammt von Sanford aus dem Jahre 1985. Damals war es noch der surgeon, also der Chirurg. In einer anderen Version wird die Personenbezeichnung specialist verwendet. Solange wir das soziale Geschlecht außer Acht lassen, sind im Englischen beide Bezeichnungen zunächst genderneutral.

Im Deutschen ist das nicht so einfach aufgrund einer hohen Genus-Sexus-Korrelation bei Personenbezeichnungen. Wir haben drei (definite) grammatische Artikel (der, die, das). Das Englische hat nur einen (the). Und unsere drei Artikel korrelieren stark mit dem biologischen Geschlecht der bezeichneten Person (z. B. die Frau = weiblich, der Mann = männlich).

Bei die Koryphäe ist das anders. Diese Personenbezeichnung ist genderneutral. Weder grammatisches noch semantisches, biologisches oder soziales Geschlecht lassen auf eine Frau oder einen Mann schließen. Ähnlich ist das z. B. bei Mitglied, Genie oder Fan. Um also möglichst nah an das Englische heranzukommen, ist es aus linguistischer Sicht sinnvoll, dass die Autor*innen die Koryphäe genutzt haben und nicht etwa der Chirurg oder der Spezialist. Sie haben damit vermieden, dass man am Ende nicht mehr weiß, worauf der gemessene Effekt zurückzuführen ist – auf den Info-Text vorab oder auf das generische Maskulinum im Rätsel. So blieb am Ende nur die männlich gelesene Konnotation Koryphäe => Expertise => Männlichkeit übrig (soziales Geschlecht).

Teil 3: Test zur Geschlechterrolle (BSRI)

Der dritte und letzte Teil der Studie bestand aus dem Test “Bem Sex-Role Inventory” (BSRI), der auf einer Skala misst, wie stark oder weniger stark man sich einer bestimmten Geschlechterrolle zugehörig fühlt. Der Test besteht auf 60 Charaktereigenschaften, die man auf einer 7-Punkte-Skala bewerten sollte (von “trifft nie zu” bis “trifft immer zu”). Jeweils 20 dieser Eigenschaften gehören zur Männlichkeitsskala (z. B. selbstbewusst, energisch, unabhängig), zur Weiblichkeitsskala (z. B. einfühlsam, verständnisvoll, warmherzig), und zur neutralen Skala der “Social Desirability” (freundlich, hilfsbereit, aufrichtig). Jede Person erhielt einen Männlichkeitswert und einen Weiblichkeitswert. Am Ende wurden alle Befragten in vier Kategorien eingeordnet: maskulin (hohe Männlichkeit, geringe Feminität), feminin (geringe Männlichkeit, hohe Feminität), androgyn (hoch in Männlichkeit und Feminität) sowie undifferenziert (niedrig in Männlichkeit und Feminität).

Wie viele Personen wurden befragt?

Insgesamt wurden 517 Personen zwischen 17 und 66 Jahren befragt, davon 67,9 Prozent Frauen. Von den 517 Abfragen gültig waren 389 Befragungen (68,4 Prozent Frauen), denn: Am Ende der Befragung wurde die Frage gestellt, ob man das Rätsel bereits kannte. Auf manche Personen traf das zu. Dass man diese Menschen aussortiert, ist wichtig, da sie sich bewusst sind, worum es bei der Befragung geht. Würde man das nicht tun, bekäme man ein verfälschtes Ergebnis, das nicht mehr ausschließlich auf das Gemessene zurückzuführen ist.

Und? Macht Gendern Sprache gerechter?

Die kurze Antwort lautet: Ja. Jedoch waren nicht alle Ergebnisse statistisch signifikant.

Antwort auf die erste Frage

Die lange Antwort lautet: Insgesamt, egal welchen Info-Text die Personen vorher gelesen haben, haben 38,8 Prozent gesagt, dass die Koryphäe eine Frau ist (sprich: die Mutter). Also trotz allem immer noch erschreckend wenig. Die Personen, die vorher den Text mit generischen Maskulina gelesen haben, sagten nur zu 33,5 Prozent, dass die Koryphäe eine Frau ist. Haben sie vorher den gegenderten Text mit Binnen-I gelesen, dann sagten dagegen 44,3 Prozent, dass sie eine Frau ist. Dieser Unterschied ist statistisch signifikant. Das heißt:

Führt geschlechtergerechte Sprache zu geschlechtergerechtem Denken?

Frage 1

Ja, der geschlechtergerechte Text hat zur Folge gehabt, dass die Personen beim Rätsel eher an eine Frau dachten – trotz des scheinbaren Widerspruchs (Vater ist tot => Koryphäe => Expertise => assoziiert mit Männlichkeit).

Antwort auf die zweite Frage

Balkengrafik über die Rate der Antworten, die auf eine Frau hindeuteten nach Art des Info-Textes (ungegendert vs. gegendert) und Geschlecht
Die Rate der Antworten, die auf eine Frau hindeuteten nach Art des Info-Textes (ungegendert vs. gegendert) und Geschlecht (Kollmayer et al. 2018)

Die Grafik lässt schon erahnen: In der Testgruppe derjenigen, die vorher den Text mit generischen Maskulina lasen, machte es keinen Unterschied, ob man Mann oder Frau war. Sie antworteten praktisch gleich schlecht auf die Rätselfrage. Und auch in der Testgruppe derjenigen, die vorher den Text mit dem Binnen-I lasen, gibt es keinen signifikanten Geschlechterunterschied. Sie antworteten ähnlich gut (bzw. besser – im Vergleich zur anderen Gruppe) auf die Rätselfrage. Der Unterschied zwischen diesen beiden Testgruppen ist jedoch wie gesagt statistisch signifikant.

Spielt das Geschlecht dabei eine Rolle?

Frage 2

Nein. Frauen antworteten – je nach Info-Text vorab – ähnlich selten bzw. häufig wie Männer, dass die Koryphäe die Mutter des Kindes ist.

Antwort auf die dritte Frage

Und wie sieht es mit der letzten Frage aus? Welchen Einfluss hat die Einschätzung der eigenen Geschlechterrolle?

Grafik über die Rate der Antworten, die auf eine Frau hindeuteten nach Art des Info-Textes (ungegendert vs. gegendert) und BSRI-Klassifikation
Rate der Antworten, die auf eine Frau hindeuteten nach Art des Info-Textes (ungegendert vs. gegendert) und BSRI-Klassifikation (Kollmayer et al. 2018)

Dieses Ergebnis hat mich wirklich überrascht. Denn ausgerechnet bei den Menschen, die nach der BSRI-Klassifikation als besonders maskulin gelten (hoher Männlichkeitswert, geringer Feminitätswert), gibt es ein signifikantes Ergebnis. Sprich: Die Menschen, die eher eine maskuline Geschlechterrolle in unserer Gesellschaft einnehmen (Achtung: das sind nicht nur Männer!) haben im Vergleich zu allen anderen Gruppen signifikant öfter gesagt, dass die Koryphäe die Mutter des Kindes ist. Und zwar unabhängig davon, ob sie vorher den gegenderten oder ungegenderten Text gelesen haben.

Außerdem siehst du, dass feminine Personen viel häufiger dann auf eine Frau schlossen, nachdem sie den Info-Text mit Binnen-I gelesen hatten und viel seltener, nachdem sie den Info-Text mit generischem Maskulinum gelesen hatten. Insbesondere in der Testgruppe derjenigen mit generischem Maskulinum fällt der Unterschied zwischen maskulinen und femininen Personen auf. Jedoch haben die statistischen Signifikanzberechnungen der Autor*innen ergeben, dass die Interaktion zwischen Geschlechterrolle und Text-Art vorab (generisches Maskulinum vs. Binnen-I) nicht signifikant ist. Das heißt angesichts der deskriptiven Zahlen nicht, dass es nicht so ist. Man muss den Unterschied nur mit Vorsicht genießen.

Hängt der Effekt von geschlechtergerechter Sprache (und des generischen Maskulinums) davon ab, wie feminin, maskulin, androgyn oder undifferenziert man sich selbst fühlt?

Frage 3

Nein. Aber: Maskulin klassifizierte Menschen antworteten im Vergleich zu allen anderen immer viel häufiger auf die Rätselfrage, dass die Koryphäe die Mutter des Kindes ist. Außerdem könnte es sein, dass feminin klassifizierte Menschen häufiger an Frauen denken, nachdem sie einen Text in geschlechtergerechter Sprache gelesen haben. Allerdings ist dieser Unterschied statistisch nicht signifikant.

Was die Studie über Gendern und Sprache sagt – und was nicht

Wir können aus der Studie vier wichtige Haupterkenntnisse mitnehmen:

  1. Lesen wir (sogar sehr kurze) geschlechtergerecht formulierte Texte, dann fällt es uns kognitiv leichter, mit Geschlechterstereotypen zu brechen.
  2. Dabei macht das Geschlecht der lesenden Person keinen Unterschied.
  3. Mehr als 60 Prozent aller Befragten sind nicht auf die Idee gekommen, dass es sich bei der Koryphäe um die Mutter des Kindes handeln könnte. Wir sind immer noch ziemlich schlecht darin, mit Geschlechterstereotypen zu brechen. Sie sind offenbar sehr tief in uns verwurzelt.
  4. Es könnte (!) sein, dass besonders traditionell feminine Personen vom Gendern profitieren. Sie scheinen dann viel öfter an Frauen zu denken als in Texten mit generischen Maskulina.

Wichtig ist laut der Autor*innen zu erwähnen, dass die Versuchsanordnung keine kausale Interpretation zwischen Gendern und Nicht-Gendern erlaubt. Es könnte also sein, dass nicht gendergerechte Sprache die dominierende männliche Lesart reduziert, sondern dass die Verwendung generischer Maskulina diesen sogenannten male bias in erster Linie kreiert. Es wird nicht klar, was mental im Detail passiert. Gendern kann zu einer geringeren Aktivierung von Geschlechterstereotypen führen oder aber, es ist eine Art Weckruf für uns, Kontrolle über unsere Rollenvorstellungen zu erlangen, ohne dass vorher die automatische Aktivierung von Stereotypen beeinflusst wurde.

Außerdem erwähnen Kollmayer et al. (2018), dass zwar insgesamt viele Menschen befragt wurden. Durch die Aufteilung in Geschlecht und BSRI-Klassifikation sind jedoch in absoluten Zahlen kleine Kompartimente entstanden. Deshalb sei es wünschenswert, den Versuch in einer größeren Dimension zu wiederholen.

Eine letzte Einschränkung der Studie sei laut der Autor*innen, dass sie die Einstellung der Befragten zum Gendern nicht gemessen haben. Eine andere Studie kam zu dem Schluss, dass eine ablehnende Einstellung gegenüber gendergerechter Sprache die positiven Effekte eben jener reduziert. Sie gehen jedoch davon aus, dass diese Einstellungen gleichermaßen über alle Gruppen verteilt waren. Sie haben ja nichts dergleichen danach sortiert.

Meine Einschätzung der Studie

Meiner Meinung ist die Studie hinsichtlich ihrer Methodik und Ergebnisse bulletproof. Aus linguistischer Sicht ist es sehr wichtig, dass man bei solchen Versuchen die Personen aussortiert, die wissen, worum es bei dem Experiment geht. Auch die Wahl von die Koryphäe anstatt von der Spezialist o. Ä. war gut und richtig, um ein Ergebnis zu erhalten, das auch wirklich auf die Fragestellung einzahlt. Außerdem haben die Forschenden sichergestellt, dass die Info-Texte auch wirklich gelesen wurden.

Drei offene Fragen

Es gibt nur drei Fragen, die ich mir gestellt habe:

  1. Im geschlechtergerechten Info-Text wurde nur das Binnen-I verwendet. Das begründen Kollmayer et al. (2018) damit, dass diese Form in allen österreichischen Guidelines als akzeptable Form geschlechtergerechter Sprache genannt wird. Aber gelten die Ergebnisse dann automatisch auch für alle anderen Formen des Genderns oder nur für das Binnen-I?
  2. Wäre es zusätzlich nicht sinnvoll gewesen, die Reaktionszeit zu messen, die es gedauert hat, bis die Person eine Antwort gefunden (oder eben nicht gefunden) hat? Insbesondere im Vergleich zwischen den zwei Info-Text-Sorten wäre interessant gewesen, ob man kognitiv schneller zu einer Antwort kommt, wenn man vorher den gegenderten Text gelesen hat. Und falls ja, welche Antwort das jeweils war (“Die Koryphäe ist die Mutter” vielleicht?).
  3. Haben sie nur Personen aus ihrem Umfeld befragt (Universität, soziales Netzwerk) oder auch darüber hinaus? Wie divers war die Gruppe der Befragten? Das wird nicht so ganz klar.

Triggert Gendern Männer?

Dass Gendern Sprache gerechter macht, hat mich nicht besonders überrascht. Viel interessanter fand ich die Tatsache, dass ausgerechnet maskuline Menschen besonders häufig auf die Antwort “muss die Mutter sein” kamen. Kollmayer et al. (2018: 7) liefern dafür folgende Erklärung:

Considering that the majority of participants were women, this finding may be explained by a lower internalization of gender stereotypes in women who identify most with stereotypical masculine qualities. It is plausible that women who internalized gender stereotypes to a lesser extent managed to break away from the male stereotype of a specialist easier than women who internalized gender stereotypes to a greater extent.

Kollmayer et al. (2018: 7)

Schließlich fand ich im Diskussionsteil einen Vergleich zu einer anderen Studie sehr interessant, der meiner Meinung nach eine weitere Erklärung liefern kann. Dort wurde auch das Rätsel verwendet, als Info-Text vorab gab es jedoch einen Text über eine spezifische Wissenschaftlerin bzw. über einen spezifischen Wissenschaftler, keine (un-)gegenderten Texte. Wissenschaft wird (immer noch) primär mit dem maskulinen Stereotyp assoziiert. Deshalb ist eine Wissenschaftlerin stereotypisch betrachtet untypisch.

Das Ergebnis der Studie: Mehr Frauen lösten das Rätsel, wenn sie vorher über die Wissenschaftlerin lasen. Bei Männern machte es keinen Unterschied, ob sie vorher über eine Frau oder einen Mann lasen. Das könnte bedeuten, dass das Gendern einen größeren Einfluss auf Männer haben könnte als eine konkrete Referenz auf eine Frau. Eventuell hat das damit zu tun, dass Gendern mit political correctness und feministischen Ideen zu tun hat und der Gedanke daran die Erinnerung auslöst, nicht nur an Männer zu denken, sondern auch an Frauen. Schön wäre dieser Effekt auf jeden Fall.

Gendern und Sprache: Warum ist die Studie relevant?

In den vergangenen Wochen entbrannte wieder eine medial verbissene Debatte, ob es denn nichts Wichtigeres gäbe als gendergerechte Sprache. Ein sehr beliebter Whataboutism. Es ist richtig, dass wir mit dem Gendern unserer Sprache nicht alle Herausforderungen auf dem Weg hin zu mehr Gleichberechtigung quasi im Vorbeigehen eliminieren. Aber sie wirkt sich durchaus positiv auf unsere mentale Präsenz von Frauen aus. Dieser Effekt wird sich letztlich auch in unserem Handeln widerspiegeln. Andersherum werden sich gesellschaftlich relevante Maßnahmen für mehr Gleichberechtigung auf unsere Einstellung auswirken, wie offen wir geschlechtergerechter Sprache gegenüberstehen.

Auf beiden Baustellen gibt es in Deutschland extremen Nachholbedarf. Das zeigen aktuelle Befragungen. Eine große Mehrheit der Deutschen lehnt Gendern ab, obwohl die Wissenschaft immer wieder belegt, dass Gendern positive Effekte auf uns alle hat.

Teilweise liegt das daran, dass die Genderdebatte, wie wir sie führen, am eigentlichen Thema vorbeigeht. Die Medien haben ihren Anteil daran. Denn zu häufig geht es um Meinung, um Ideologie und irgendwelche angeblichen Vorschriften. Nichts davon trifft den Kern, worum es eigentlich geht. Viel wichtiger wäre Aufklärung. Aufklärung, warum Gendern und Sprache kein gefährliches Teufelszeug ist. Wir alle könnten mit geschlechtergerechter Sprache höflichere Menschen werden und einen Beitrag zu einer faireren Gesellschaft leisten. Die Wissenschaft zeigt längst, dass das tatsächlich so wäre. Wenn wir dazu bereit wären.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *