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Gendern: plötzlich überall Frauen

Kürzlich entschied sich meine Agentur, das Gendersternchen zu nutzen. Seitdem beobachte ich einen besonderen Effekt: Normalität.

Liebe(r) Frauen

Als ich 2018 bei Mann beißt Hund anfing, war ich neben zwei anderen Männern in einer Agentur von ca. 20 Mitarbeiterinnen klar in der Unterzahl.

Was in deutschen Unternehmen die absolute Ausnahme ist, war für mich seit dem Abitur erstmal nichts Besonderes. Als männliches Au Pair war ich ein Paradiesvogel. Den Anteil männlicher Au Pairs würde ich auf vielleicht fünf bis zehn Prozent schätzen. Dementsprechend groß war die Überraschung meiner Zuhörerinnen, als ich nach meinem Auslandsjahr im Auftrag der Au-Pair-Agentur von meiner Zeit erzählte. Zu diesem Zeitpunkt war Cultural Care die einzige Agentur, die Männer überhaupt akzeptierte.

Auch später im Lehramtsstudium war die Mehrheit weiblich. Mein Freundeskreis ist überwiegend weiblich. Für mich also alles relativ normal. Wenn ich mich zwischen einer rein männlichen und einer rein weiblichen Gesellschaft entscheiden müsste – ich würde die weibliche Gesellschaft wählen.

Im Gesprochenen zu gendern, ist schwer

Sprachlich sieht das ein wenig anders aus. Ich spreche zumeist immer noch von Kunden, Ärzten und Fußgängern. Und das, obwohl ich genau weiß, dass „Frauen sind mitgemeint“ Bullshit ist. Eigentlich ist der Wille da. Aber der Mund macht oft nicht mit.

Meine vorgeschobene Ausrede: Ich bin sehr sprechfaul. Das stimmt, ich spreche wirklich verhältnismäßig wenig am Tag. Wenn ich mal eine Stunde am Stück spreche, dann merke ich das am Abend. Manchmal fehlt mir sogar die Stimme.

Zum Glück bin ich kein Lehrer geworden.

Allerdings gibt es – das ist völlig normal – einen deutlichen Unterschied zwischen dem Geschriebenen und dem Gesprochenen. Ich tippe schnell, mich stört es nicht, Kollegen und Kolleginnen oder Kolleg*innen statt Kollegen zu schreiben.

Gendersternchen: mit *

Weil wir als Kommunikationsagentur im Arbeitsalltag häufig textlastig unterwegs sind und weil das Thema Gendern generell stärker in den öffentlichen Diskurs rückte, stellten wir uns in bestimmten Kontexten immer öfter die Frage: Wie schreiben wir das jetzt? Und was wünscht sich die Kundin?

Um etwas Ordnung reinzubringen und auch, um sich zu sprachlicher Vielfalt jenseits der Heteronormativität zu bekennen, entschieden wir uns für ein Statut. Keine Sprachregelung, sondern eine Empfehlungsgeberin mit zahlreichen Anregungen.

In der Praxis heißt das: Wir empfehlen unseren Kundinnen gendersensible Sprache und legen das Gendersternchen bei generischen Personenbezeichnungen als empfohlene Norm zu Grunde. In unseren eigenen Dokumenten, die an die Kundin gehen, gendern wir also mit *.

Kein dumpfes Durchgendern!

Natürlich machen wir das nicht nach dem „Ersetzen-mit-Prinzip“. Wir zaubern also nicht blind aus Kollegen immer Kolleg*innen oder aus Schülern immer Schüler*innen. Oft gibt es verschiedene Möglichkeiten, geschlechtergerecht oder geschlechterneutral zu schreiben. Einige Wege haben wir unserem Statut festgehalten.

Es kommt auch auf den Kontext an. Behördensprachlich nutzt man häufig das Kollegium. In Fachkreisen ist SuS eine gängige Abkürzung für Schülerinnen und Schüler. In normalsprachlichen Texten kann man, je nach Altersgruppe, auch von Kindern oder Jugendlichen – oder allgemeiner von der Jugend oder Heranwachsenden – sprechen. Mit ein bisschen Kreativität, Offenheit und Vokabular ist das kein Problem.

Das Gendersternchen sprechen

Aber zurück zur gesprochenen Sprache. Stell dir vor, du bist in Texten den ganzen Tag am Gendern, bis du überall das Gendersternchen siehst. Das Besondere wird das neue Normal. Mit steigender Frequenz im Schriftlichen geht diese neue Angewohnheit irgendwann auch in das Gesprochene über.

Genau das beobachte ich aktuell auf der Arbeit. Das Gendersternchen kann man nämlich auch sprechen. Zwar ist es mitnichten eine amtliche Regelung, aber empfohlen wird bei Gender Gap oder Gendersternchen in Form eines sogenannten Glottisverschlusslauts, auch bekannt als Knacklaut oder Glottalstop. Die Botschaft des Lauts: Alle Menschen sind gemeint.

Linguistisch wird der Laut kategorisiert als stimmloser, glottaler Plosiv. Das Besondere daran ist, dass er nie verschriftlicht, immer aber da gesprochen wird, wo er auftaucht. Zum Beispiel am Anfang von acht oder zwischen alte Eule. Man hört das Knacken der Stimmritze nur, wenn man bewusst darauf achtet. Mit etwas Übung spricht man Kolleg*innen also mit diesem Knacklaut zwischen dem g– und dem i-Laut.

Zu faul fürs Gendersternchen: Zum Glück?

Nun bin ich wie gesagt ein sehr sprechfauler Mensch. Der Knacklaut ist mir zu anstrengend. Stattdessen habe ich mich dabei erwischt, wie ich gleich von Kolleginnen spreche und mir dabei die Schreibweise mit dem Gendersternchen vor dem inneren Auge denke.

Davon kann man nun halten, was man will. Ich find’s toll, denn manchmal löst es meiner Gegenüber genau die Frage aus, die man sich beim generischen Maskulinum nie stellen würde: „Moment mal, meint der jetzt nur Frauen oder auch Männer?” Das ist lustig und entlarvend zugleich.

Klar, Kritikerinnen sagen nun, dass ich wieder ins Binäre verfalle. Aber hey, ich bin hier auf Umwegen zu einem generischem Femininum gekommen. Auf einmal stehen Frauen im Mittelpunkt. Das ist doch auch was. Und ein bisschen rebellisch ist es auch.

Geschlecht? Egal.

Außerdem ist es meiner Ansicht nach ein völlig logischer Schritt in Richtung Genderegalität. Wir fokussieren uns so sehr auf Geschlecht, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, dass die Relevanz von Geschlecht einmal kaum noch vorhanden sein wird. Genau in diese Richtung wird sich unsere Sprache jedoch entwickeln. In Norwegen zeigt sich beispielsweise auf vielen Ebenen, wie egal Geschlecht dort inzwischen geworden ist – zum Beispiel bei der Frage von Elternzeit und Erziehung, aber auch sprachlich.

Wir brauchen diesen Diskurs, weil wir anfangen müssen, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Doch auf lange Sicht werden wir generische Maskulina und Feminina zu gleichen Anteilen nutzen, wann immer wir allgemein von einer bestimmten Personengruppe sprechen. An das Prinzip „Geschlecht ist egal“ werden wir uns schneller gewöhnen, als wir denken.

Mache den Selbsttest!

Schreibe mal einen zehnseitigen Text und wechsle zwischen generischem Maskulinum und generischem Femininum. Das macht den Schreibprozess gleich viel spannender. Am Anfang stolpert man als Leserin darüber. Spätestens ab Seite drei weiß man: Ok, Geschlecht ist wurst. Man hört auf, darüber nachzudenken und liest den Text genauso flüssig wie „früher“. Zudem ist es ziemlich angenehm, nicht immer nur an Männer denken zu müssen.

Aber das ist Zukunftsmusik. Das Gendersternchen ist wichtig, um eine höhere Sensibilisierung zu erreichen. Ein guter Zwischenschritt, damit sich das System eines Tages selbst abschaffen kann.

Übrigens habe ich in diesem Text kein einziges generisches Maskulinum benutzt. Gemerkt?

Einen weiteren, tollen Erfahrungsbericht kannst du hier lesen.

Wer sich für aktuelle Themen in der PR interessiert, kann die Wuff-Sendung meiner Kommunikationsagentur Mann beißt Hund abonnieren. Im neuesten Newsletter ging es um das Gendersternchen. Darin geht auch ein besonderer Dank an Johanna Usinger für ihr Genderwörterbuch. Pro Jahr erscheinen sechs Ausgaben. Hier geht’s zur Anmeldung.

1 thought on “Gendern: plötzlich überall Frauen

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