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Systemrelevante Berufe: Warum wir die „Leistungsträger der Gesellschaft“ neu definieren müssen

Die durch die Corona-Krise angestoßene Diskussion über systemrelevante Berufe stellt unser gesellschaftlich akzeptiertes Verständnis von Leistungsträgern auf die Probe. Ein Umdenken wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung – und damit ein Gewinn für uns alle.

Wer ist systemrelevant?

Begriffe ohne Antonyme lassen immer Raum für Interpretation. Wenn es systemrelevante Berufe gibt, gibt es auch systemirrelevante? Grundsätzlich würde ich sagen, dass jeder Beruf auf irgendeine Art seine Daseinsberechtigung hat (außer Network Marketeers, die braucht wirklich niemand). Sonst gäbe es sie nicht. Wir brauchen für das Funktionieren unserer Gesellschaft beispielsweise auch Medien- und Kulturschaffende – eine Tatsache, die viel zu oft vernachlässigt wird. So gesehen ist (fast) jeder Beruf erstmal systemrelevant.

Aber es gibt Unterschiede. Den harten Kern systemrelevanter Berufe findet man schnell, indem wir eine Runde Apokalypse spielen. Wie schnell versinken wir im Chaos, wenn bestimmte Berufsgruppen wegfallen würden? Ganz schnell ginge es mit uns bergab, wenn wir nichts mehr zu essen und trinken hätten, wenn die Sicherheit der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet wäre oder wenn es keine medizinische Versorgung mehr gäbe.

Maximal systemrelevant sind also medizinisches Personal, Polizeibeamt*innen und Lebensmittelerzeuger*innen. Danach kommen eine ganze Reihe weiterer Berufsgruppen, die sich im Speckmantel systemrelevanter Berufe ansiedeln, ohne die wir auf längere Sicht genauso wenig leben könnten, z. B. Erzieher*innen oder Verkäufer*innen.

Die Debatte über systemrelevante Berufe ist richtig und wichtig …

Indem wir von systemrelevanten Berufen sprechen, meinen wir also nicht automatisch, dass andere Berufe systemirrelevant seien. Das möchte ich an dieser Stelle betonen. Und überhaupt sollte man den Begriff der Systemrelevanz immer nur im Zusammenhang mit einem bestimmten Kontext betrachten. Wenn mir auf der Autobahn der Sprit ausgeht, dann ist eine Tankstelle in diesem Moment für mich (system-)relevanter als eine Kindertagesstätte, obwohl man in einem „objektiven“ Kontext sicher über diese Rangfolge streiten könnte.

Insofern ist es also völlig richtig, dass wir im Kontext der Corona-Krise über systemrelevante Berufe sprechen. Ein bisschen was von Apokalypse hat diese Zeit ja schon, auch wenn entgegen der Vermutung vieler Hamsterkäufer*innen Klopapier keinerlei Systemrelevanz hat. Und wir spüren sehr deutlich, dass die gesteigerte Überbeanspruchung oder der Ausfall bestimmter systemrelevanter Berufsgruppen eine Reihe unangenehmer kettenreaktionsartiger Folgen für unser Leben hat. Pflegende oder Eltern mit ihren Kindern zu Hause wissen bestimmt, wovon ich spreche.

Besonders schön finde ich an der Diskussion, dass es den Begriff der „Systemrelevanz“ schon einmal gab – in der Finanzkrise waren damit die notleidenden Banken gemeint. Jetzt wird der gleiche Begriff genutzt, um die Bedeutung von 2008 zu kontrastieren. Er stellt die Frage in den Raum: Wer oder was ist hier eigentlich wirklich systemrelevant?

… aber dabei darf es nicht bleiben.

Dementsprechend sprechen wir von den Heldinnen und Helden des Alltags, etwas verkürzt auch von „Corona-Helden“. Damit sind in aller Regel bereits genannte Erzieher*innen, Reinigungskräfte, Verkäufer*innen oder Pfleger*innen gemeint.

Besonders Verkäufer*innen, zum Großteil Frauen, erfuhren eine Welle der Solidarität, je mehr sich die Regale leerten. Das ist vor allem deshalb interessant, weil Verkäuferinnen besonders schlecht bezahlt sind. Laut einer neuen DIW-Studie der Wissenschaftlerinnen Josefine Koebe, Claire Samtleben, Annekatrin Schrenker und Aline Zucco (sicher nicht zufällig nur Frauen) bilden Verkäuferinnen das Schlusslicht aller benachteiligten Berufsgruppen, deren Lohnniveau vom Durchschnitt am meisten abweicht.

Wenn wir uns nun auf den Balkonen zum Klatschen verabreden, um uns mit diesen Held*innen des Alltags zu solidarisieren, dann ist das sicher eine schöne Geste. Solidarität zeigen wir viel zu selten, davon kann man nie genug haben.

Aber dabei darf es nicht bleiben. Für echte Solidarität brauchen wir vor allem eines: mehr Wertschätzung. Und da Wertschätzung (bzw. Prestige) mit Bezahlung korreliert, heißt das an erster Stelle zunächst einmal: höherer Lohn für schlecht bezahlte Berufe.

Wir müssen „Leistungsträger“ neu definieren

Die Debatte über systemrelevante Berufe offenbart nämlich ein zentrales Problem, das wir in Deutschland schon viel zu lange haben. Wir definieren die „Leistungsträger unserer Gesellschaft“ noch immer völlig falsch, indem wir diese Gruppe mit Besserverdienenden gleichsetzen. Dabei wissen wir eigentlich schon lange, dass sich Leistung kein bisschen im Lohn widerspiegelt.

Wir müssen umdenken und uns von dem Gedanken lösen, dass schlecht bezahlte Berufe irgendeine geringere Form der Arbeit sind. Das sind sie ganz und gar nicht. Erst dann werden wir uns zu höheren Löhnen durchringen können.

Dieser Irrglaube wiederum fußt auf dem tief verwurzelten Kernproblem, das sich „male as norm“, passenderweise kurz MAN, nennt. Die Besserverdienenden, das sind die Männer. In den hohen Positionen sehen wir den Mann vor dem inneren Auge. Wie man Erfolg hat und Karrieren vorantreibt, das zeigen risikobereite Männer, während ihre Frauen sie im Hintergrund unterstützen. Und wen sieht man in einer knallharten Gehaltsverhandlung an einem Tisch sitzen? Richtig, zwei Männer.

Systemrelevante Berufe: zu 75% Frauen

Die oben verlinkte DIW-Studie (über die der DIW-Direktor Marcel Fratzscher hier auch schreibt) hat nicht nur gezeigt, dass der Bruttostundenlohn in systemrelevanten Berufen um 15 bis 20 Prozent niedriger ist, sondern auch, dass knapp 75 Prozent aller Beschäftigten in diesen systemrelevanten Berufen Frauen sind. Sie arbeiten scheinbar „im Hintergrund“, indem sie das Fundament unserer Gesellschaft bilden, das Sicherheitsnetz, das uns alle zusammenhält, während Männer die wichtigen Entscheidungen treffen. Obendrein ist der Frauenanteil in den Berufen nochmal deutlich höher, die besonders wenig Ansehen haben und in denen besonders niedrige Löhne gezahlt haben.

Frauenberufe haben weniger Ansehen

Das ist ein enormes Problem, unter dem wir alle leiden. Gründe dafür gibt es viele. Zum einen passen Care-Berufe (Erziehung, Sozialarbeit, Altenpflege, Reinigungsberufe) zu unserem Rollenbild einer Frau. Eine Frau ist empathisch, sie kümmert sich aufopferungsvoll um andere, noch bevor sie an sich selbst denkt. So werden wir früh sozialisiert – Männer wie Frauen. Männern wird grundsätzlich mehr zugetraut als Frauen, sodass sich Frauen von Vornherein schlechter einschätzen, als das Männer tun (z. B. Schüler*innen in Mathe), obwohl ihre Leistungen die gleichen sind. Das führt zu geringeren Qualifikationen, die für schlechter bezahlte Berufe ausreichen.

Gleichzeitig sind die Entscheidungsträger über die Bedingungen dieser Berufe meistens Männer, die in aller Regel kaum in Berührung mit den Realitäten dieser Berufe kommen, sodass Care-Aspekte schlicht „vergessen“ werden. Außerdem haben weder Gesundheitsberufe noch erzieherische Berufe irgendeine Lobby. Tarifverträge gibt es oft nicht, was Arbeitnehmerinnen häufiger in schlechtere Verhandlungspositionen befördert. Die Löhne in Berufen, die zu typischen Frauenberufen wurden, sind außerdem weniger stark gestiegen oder sogar gesunken. Zu allem Überfluss hat Deutschland auch noch einen besonders großen Niedriglohnsektor, was die Wahrscheinlichkeit steigert, dass umso mehr Frauen genau dort landen. Schlussendlich erfordert ihre Lebenssituation häufig das Arbeiten in diesen Berufen. Frauen kümmern sich auch heute noch häufiger um Haushalt und Kinder. Karriere fällt dann aus.

Wem das alles nicht als Begründung reicht, dass wir die „Leistungsträger der Gesellschaft“ dringend neu definieren sollten, der oder die möchte mit der Realität offenbar möglichst wenig zu tun haben.

Systemrelevante Berufe: Wie geht es nach der Corona-Krise weiter?

Es liegt an uns, ob wir aus der Corona-Krise lernen. Ich hoffe nicht, dass wir nach der Krise so weitermachen wie vorher oder wir sogar einen Backlash wie in den fünfziger Jahren erleben. Krisen bergen schließlich dieses Risiko, zum Beispiel weil Homeoffice für “Tausende Frauen gerade vor allem home und wenig office” bedeutet, wie Julia Jaekel auf LinkedIn schreibt. Man fällt schneller in alte Rollenmuster zurück (die Frau hält dem Mann den Rücken frei), als man glaubt.

Ich hoffe, dass wir nachhaltig unsere Lehren ziehen. Dass Personalmangel in Pflegeberufen brandgefährlich ist. Dass unbezahlte Überstunden diese Berufe unattraktiv machen. Und dass ihre geringe Wertschätzung völlig ungerechtfertigt ist, weil wir ohne diese Menschen überlebensunfähig wären.

Wir brauchen Investitionen, höhere Löhne, Tarifverträge und mehr Sicherheiten. Systemrelevante müssen Perspektiven und Anreize bieten und sie müssen sozial anerkannt werden, auch wenn man für diesen Beruf nicht sieben Jahre studieren musste.

Eine höhere Attraktivität systemrelevanter Berufe würde nicht nur die Situation der vielen weiblichen Beschäftigten in diesem Sektor verbessern, sie würde auch dazu führen, Barrieren abzubauen, sodass mehr Männer diese Berufe ergreifen könnten (die ja eigentlich eine bessere Ausgangssituation haben, also warum „sozial absteigen“?), ohne stigmatisiert zu werden.

Das Endergebnis wäre ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung, von dem wir alle profitieren würden. Je mehr Frauen und Männer ihre gegenseitigen Lebensrealitäten kennen, desto mehr Verständnis ist füreinander da. Und je mehr Verständnis wir füreinander haben, desto eher sind wir gewillt, Lösungen zu finden.

Mehr Politik mit echten Emotionen bitte!

Auf dem Weg dorthin brauchen wir die Politik. In der Corona-Krise hat sie unter schwierigen Bedingungen überraschend gute Entscheidungen getroffen. Ich sage „überraschend“, weil ich es ihr in der gefühlt endlosen Ära der Personaldebatten vor der Krise echt nicht zugetraut hätte.

Es gibt also Hoffnung. Aber etwas mehr sichtbare Emotion täte unseren deutschen Politiker*innen sicher gut, um nicht nur ihr eigenes Ansehen, sondern auch jenes der systemrelevanten Berufe nachhaltig zu steigern – indem man es also nicht dabei belässt, dass Menschen in Pflegeberufen eine einmalige Prämie von 1.500 Euro als kleines Dankeschön erhalten oder indem man einmal im Bundestag für diese Leute klatscht, was ich persönlich aus der Position von Entscheidungsträgern ziemlich zynisch finde. Weniger klatschen und mehr Fakten schaffen, wäre da meine Devise.

Was echte Emotionen angeht, bräuchten wir Leute wie Bernie Sanders:

Er zeigt in diesem fulminanten Video mit einer Mischung aus feinstem Sarkasmus und klaren, lauten, Worten, wie absurd es ist, dass überhaupt darüber debattiert werden muss, ob Menschen mit geringem Einkommen in der Krise geholfen werden muss, während Milliardäre und große Unternehmen von enormen Steuerbegünstigungen profitieren. Ein Grund, warum es diese Diskussion gibt, ist ganz sicher die geringe gesellschaftliche Wertschätzung („because they’re somehow inferior“).

Fast beiläufig stellt Sanders in dem Video die entscheidende Frage: „What kind of value system is that?“

Etwas leichtere Kost? Hier mache ich mich über das zweifelhafte Frauenbild von Sagrotan lustig.

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