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Klingt zwar langweilig, sollten wir aber alle wissen: Das grammatische und das semantische Geschlecht sind zwei unterschiedliche Dinge.

Der Onkel, das Mädchen und die Leiche: Das semantische Geschlecht

Der Gang in die Bibliothek kann helfen, das Thema "Gendern" zu verstehen.
Blick ins kluge Grammatikbuch: Was liegt dem vieldiskutierten “Gendern” zugrunde?

Frage vorab: Was ist der sprachliche Unterschied zwischen den drei Personen im Titel? Richtig, alle drei haben einen anderen Artikel. Und? Der Onkel bezeichnet einen Mann, das Mädchen ein weibliches Kind und die Leiche … die kann männlich oder weiblich sein. Das weiß man einfach nicht.

Aber es gibt noch einen weiteren Unterschied: Das Verhältnis zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht. Sprachlich befinden wir uns dabei nicht mehr nur auf der formalen Ebene, wie beim grammatischen Geschlecht, sondern auch auf der Bedeutungsebene. Es geht also um die Inhalte der Wörter, um das semantische Geschlecht.

Die Bedeutungen von Wörtern können mit bestimmten Merkmalen klassifiziert werden. In diesem Fall sind nur die Merkmale “männlich” und “weiblich” wichtig. In der Regel sind Personenbezeichnungen (und einigen Tierbezeichnungen) diese Merkmale inhärent, d.h. Hengst hat u.a. das semantische Merkmal “männlich”, Stute das semantische Merkmal “weiblich”. For the record: Diese Merkmale beziehen sich auf die “Objekte” in der außersprachlichen Welt, die die Wörter bezeichnen, nicht auf die Sprachzeichen, also die Wörter, an sich.

Das grammatische und das semantische Geschlecht sind zwei unterschiedliche Dinge

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn im Falle der Personen- und Tierbezeichnungen lässt es unsere Sprache fast so aussehen, als sei das grammatische Geschlecht und das semantische Geschlecht ein und dasselbe: Bei Personen- und Tierbezeichnungen korreliert oft das grammatische Geschlecht und das semantische Geschlecht. Es sind aber zwei unterschiedliche Dinge. Wer beides in einen Topf wirft, gelangt zu falschen Schlussfolgerungen – wie so oft in der Gender-Debatte.

Zum Beispiel in diesen Fällen haut es hin:

Genus Maskulinum, Merkmal “männlich”: der Vater, der Sohn, der Onkel, der Bruder, der Erpel, der Junge, …

Genus Femininum, Merkmal “weiblich”: die Mutter, die Tochter, die Tante, die Schwester, die Ente, …

Das zeigt: Bei Personenbezeichnungen ist die angebliche Willkürlichkeit der Genuszugehörigkeit (siehe Blogbeitrag zum grammatischen Geschlecht) doch nicht so willkürlich wie normalerweise – wenn das Geschlechtermerkmal sowieso keine Rolle spielt. Und trotzdem ist die systematische Unterscheidung zwischen grammatischem und semantischem Geschlecht dadurch weder redundant noch falsch.

Ausnahmen machen das deutlich: So hat das Mädchen aus dem Titel das semantische Merkmal “weiblich”, aber das Genus Neutrum. Der Vamp ist ebenfalls semantisch “weiblich”, aber grammatisch maskulin. Genus ist also nicht gleich Sexus (= biologisch männlich oder weiblich) und das grammatische Geschlecht ist auch nicht mit dem semantischen Geschlecht gleichzusetzen.

Manchen Personenbezeichnungen ist das Geschlecht einfach egal

Jetzt kommen wir zum genialen Teil: Es gibt auch Personenbezeichnungen, die geschlechtsindifferent sind, also nicht das Merkmal “männlich” oder “weiblich” inne haben – so wie z. B. das Genie oder die Leiche im Titel. Solche Bezeichnungen haben zwar ein grammatisches Geschlecht (wie alle deutschen Substantive), aber das semantische Geschlecht ist abwesend. Andere Beispiele sind Person, Mensch, Individuum, Mitglied, Kind, Fan usw.

Wer sich unsicher ist, kann es testen. Dazu benutzt man einfach sogenannte Kopulasätze, also Sätze mit dem Verb sein und zwei Nominalgruppen. Zum Beispiel: Lisa ist ein Säugling. Funktioniert. Simon ist ein Säugling. Funktioniert auch. Damit ist Lisa gleichzeitig eine Person. Simon ist auch eine Person. Lisa ist auch ein Individuum. Simon ist auch ein Individuum. Und schließlich ist Lisa auch ein Mensch. Genauso wie Simon ein Mensch ist.

Das ergibt also keinen Widerspruch – im Gegensatz zu Sätzen wie Lisa ist Bernds Tochter. vs. *Simon ist Bernds Tochter. Geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen sind also merkmalsärmer als geschlechtsdifferenzierende Personenbezeichnungen wie Tochter und Sohn. Damit gleichen sie anderen Oberbegriffen, wo das semantische Geschlecht ohnehin keine Rolle spielt – zum Beispiel Baum. Baum ist der Oberbegriff von Laubbaum und Nadelbaum – enthält also nicht die Merkmale “Blätter” oder “Nadeln” – analog zu den Merkmalen “männlich” und “weiblich”. Der Vorteil solcher Oberbegriffe ist, dass sie insgesamt in mehr potenziellen Kontexten verwendet werden können als geschlechtsspezifische Personenbezeichnungen – eben weil die Personengruppe viel größer ist.

Der Gebrauch solcher Personenbezeichnungen ist daher in manchen Kontexten unter bestimmten Umständen ein Weg (!), um generische Maskulina zu vermeiden. Zum Beispiel könnte man anstelle von Zehn Kegler sind aus dem Verein ausgetreten auch sagen: Zehn Mitglieder sind aus dem Kegelverein ausgetreten.

Worum es nicht geht: Das Geschlecht zu tilgen, wenn es um eine spezifische Person (oder mehrere) geht und das Geschlecht bekannt ist, also geht es zum Beispiel nicht darum, Die zwei Männer wurden überfallen. in Die zwei Opfer wurden überfallen. zu ändern. Das kann man aus stilistischen Gründen zwar machen, hat aber mit Gendergerechtigkeit nichts zu tun. Also keine Sorge: Du, als Mann, darfst auch weiter Mann bleiben. Dazu an anderer Stelle mehr.

Und was ist in unserer Sprache noch so frei von Geschlecht?

Einige Pronomina! Zum Beispiel die erste und zweite Person Singular und Plural. Wenn wir von ich, du, wir und ihr sprechen, wissen wir erstmal noch nicht wer gemeint ist. Und dann solche Fragepronomina wie wer im Satz davor. Oder Indefinitpronomina wie man oder niemand.

Das Problem bei solchen Pronomina ist, wenn wir in einem Satz wieder darauf Bezug nehmen wollen. Zum Beispiel: Wer so viel verdient, [der/die?] sollte nicht so knauserig sein. Was würdest du nehmen? Der oder die? Die allermeisten würden der nehmen, denn – Überraschung – das ist in unserer Sprache auch die Norm. Männlich ist nämlich immer die Norm. Solche strukturellen Probleme, wenn Männlichkeit sprachlich dominiert, möchten Befürworter von geschlechtergerechter Sprache zur Diskussion stellen und im besten Falle ändern – und dadurch die Frau sprachlich sichtbar machen. Dazu an anderer Stelle mehr.

Und wichtig ist auch hier wieder, klarzustellen, worum es nicht geht: Mit dem Finger auf die Leute (guck, geschlechtsneutral) zeigen, die im o.g. Fallbeispiel der statt die sagen. Grammatisch betrachtet tun sie ja nichts Falsches. Wer so viel verdient, der sollte nicht so knauserig sein. ist ein absolut normgerechter, grammatikalischer Satz. Und was jemand meint, spielt in der Kommunikation ohnehin keine Rolle. Was zählt, ist, was beim Empfänger ankommt.

Also sollte man es sich an dieser Stelle nicht zu bequem machen, sondern einen Schritt weiterdenken und sich fragen, ob es gegenüber Frauen fair ist, dass in unserer Vorstellung mit dem Pronomen der die männliche Vorstellung dominiert (Studien dazu kommen noch). Im Pronomen der ist die Frau nämlich unterrepräsentiert, weil die Frau normalerweise die ist. Theoretisch (!) – wenn es nicht so ungewohnt und falsch klinge – könnte man genauso gut das Relativpronomen die nehmen. Es existieren ja ungefähr genauso viel Frauen wie Männer. Oder etwa nicht? 🙂

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